Ihr Spießer!


Ich weiß gar nicht, ob dieses Wort unter den jungen Leuten von heute noch gebräuchlich ist. Zu meiner Jugendzeit gehörte es zum Alltagsrepertoire und bezeichnete alle Menschen, die in festgefahreren Bahnen lebten, die das taten was alle taten und Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen waren, hauptsächlich die eigenen Eltern. Es war damals ziemlich leicht, kein Spießer zu sein. Im Wesentlichen reichten dafür ein langer Pony, eine Antiatomkrafthaltung und ein absichtliches Loch in der Hose. Wenn man dazu noch jemanden persönlich kannte, der Rastalocken hatte oder Greenpeaceaktivist war, war die Sache geritzt. Heute ist es ungleich schwieriger, kein Spießer zu sein. Ich persönlich jedenfalls habe darin total versagt.

Ich bin Mutter von 2 Kindern und Besitzerin eines Chariot Fahrradanhängers inklusive Säuglingsschale für den Kleinen. Ich verwende einen Ergo Carrier in den Farben black und camel, um meine Kinder vor dem Bauch zu transportieren. Meine Tochter wird bald eines dieser Laufräder erhalten, mit denen heutzutage Kleinstkinder durch den Straßenverkehr sausen. Angeblich lernen sie Radfahren dann mit 3 Jahren innerhalb eines Tages. Ich habe gegen jedes Wehwehchen passende Globuli im Schrank und vefüttere sie großzügig. Ich plane exotische Reisen mit den Kindern, damit ich mich weiterhin persönlich entfalten kann. Jeden Entwicklungsschritt meiner Kinder halte ich digital fest und teile ihn in sozialen online Netzwerken mit der halben Welt, auch mit denen, die an meinen Kindern kein Interesse haben. Ich besuche PEKiP-Kurse, arbeite in verantwortungsvoller Position in Teilzeit und stille meinen Sohn wo ich gerade gehe und stehe. Ich mag Bionade und Bio überhaupt und Café Latte. Ich habe ein Smartphone. Und verheiratet bin ich auch noch! Kurz, ich bin wahnsinnig angepasst. Mehr geht nicht, ich mache fast jeden Schnickschnack mit. Heutzutage ist Bio spießig und digital ist spießig, Cafés sind spießig und sanfte Kindererziehung sowieso. All dies gilt als verspannt, überkandidelt und irgendwie opportun. Dass ich immernoch gegen Atomkraft bin und auch gegen die Äußerungen von Herrn Sarrazin, hilft überhaupt nichts! Nicht mal, dass unsere Familie kein Auto hat, sondern Carsharing-Mitglied ist, rettet mich aus der Spießerecke, das ist nämlich, wie ich jüngst gelesen habe, ein Trend, so ein Mist.

All die Gegner meines Lebensmodells rufen mir und meiner Peer Group zu: „Entspannt Euch! Verweichlicht Eure Kinder nicht! Macht Eure Smart-, I- und sonstigen Phones aus! Trinkt Leitungswasser! Ihr braucht den ganzen Quatsch nicht, damit wird doch nur einer verantwortungslosen, gewinnstrebenden, seelenlosen Industrie in die Hände gespielt!“ Diese Menschen sind gegen aktuelle Kindertransportbehälter aller Art, gegen Biolebensmittel, gegen moderne Kommunikationsformen, gegen moderne Erziehungsideen, gegen Kitas, gegen Straßencafés und übrigens auch gegen Sonnenbrillen. So, Ihr Lieben, und was schlagt Ihr vor? Soll ich Hühner im Kinderzimmer züchten, damit die Kinder wieder einen natürlichen Kontakt zu Lebensmitteln erhalten? Oder mit ihnen gemeinsam ein selbstgezogenes Schwein schlachten? Soll ich auf dem Flohmarkt einen riesigen, nostalgischen Kinderwagen kaufen, mit dem ich nichtmal bei Penny ums Regal fahren kann? Soll ich sie im Sommer einfach mal ins Wasser schmeißen, damit sie schwimmen lernen? Soll ich bis zum Schuleintritt des letzen Kindes allein zu Hause sitzen, ein Kind nach dem anderen bekommen und im Dunkeln in der Ecke heimlich stillen, damit auch mein Mann nicht von einem Busenblitzer belästigt wird? Soll ich ihnen mit 3 Monaten Kuhmilch einflößen und alsbald dem Fläschchen einen Schluck Rotwein zur Beruhigung beimischen? Soll ich mir ein Telefon mit geringelter Schnur am Hörer kaufen, so eines, das man nie rechtzeitig erreicht hat? Soll ich ein Kännchen Kaffee mit Milch und Würfelzucker mit Horoskop drauf bestellen? Ach nee, ich geh ja als junge Mutter gar nicht aus, ich koch meinen Kaffee zu Hause mit Porzellanfilter.

Und wenn mir mal die Hand ausrutscht, soll ich dann sagen, „das hat uns früher auch nicht geschadet“?, Ihr – Ihr… Spießer, Ihr!

Wider den Gartenzaun!


Kennt Ihr das? Man steht in einer Menschenmenge, zum Beispiel bei einem Rockkonzert, vorne glühen die Scheinwerfer und direkt vor einem, fast im Gegenlicht, steht ein Typ, der ein bisschen eklig ist. Nicht doll, aber er hat so dünne Haare im Nacken und schwitzt, so dass sich die Fisseln auf seiner glänzenden Nackenhaut kringeln. Man kann noch seine unmoderne Brille erkennen, die bequemen Halbschuhe und von Zeit zu Zeit berührt er einen aus Versehen mit seiner Schwitzhand. Er ist nicht allein da, sondern mit einem Mädchen, das er plötzlich leidenschaftlich, im Gegenlicht scharf konturiert sichtbar, küsst. Man könnte sofort kotzen. Aber warum bloß? Diese Frage stellte ich mir aus gegebenem Anlass jüngst bei einem Konzert in der Hamburger Fabrik. Dieser Schwitzetyp hatte ja nicht mich geküsst, sondern ein Mädchen, das das offensichtlich genoss, was es allerdings noch schlimmer machte. Ich stellte fest, dass ich mich mehr abgrenzen muss. Menschen, die sich öffentlich küssen, obwohl sie für mich sexuell unattraktiv sind, sollten mich nicht ekeln, sonst muss ich in ein Land ziehen, wo sich das nicht geziemt, ein orientalisches zum Beispiel oder Japan.

So, und dann dachte ich über Abgrenzung nach, die musikalische Darbietung erlaubte dies. Ich bin darin total schlecht. Vor einiger Zeit bin ich in ein Viertel gezogen, das ich lebendig, bunt und persönlich finde und wo ich deshalb wahnsinnig gern wohne. Ich bin nicht arm und keine soziale Randgruppe. Für dieses Viertel gibt es eine Website, die einen tollen Online-Flohmarkt und so eine Art Klönecke beinhaltet. In dieser Klönecke tauschen sich die alteingesessenen Viertelbewohner schimpfend und höchst sozialkritisch über die Neuzugezogenen aus, die das Viertel ruinierten und allesamt kapitalistische Egomanen und -innen mit großen Sonnenbrillen seien. Ich lese das und was passiert? Ich lege mir, voller Wut und Scham, eine Verteidigungsrede zurecht. Warum das alles für mich gar nicht gilt. Dass ich den alternativen Musikladen auch lieber mochte als die Kaffeehauskette und dass ich, weil ich eben Geld übrig habe, dort sogar CD’s gekauft habe. Dass ich für jeden Alki vor Penny erste Hilfe leisten würde. Dass ich kein Auto besitze und keinen Motorroller und – und jetzt wird es ganz schlimm, denn jetzt kommt auch noch Sendungsbewusstsein dazu – dass für wahre Toleranz ein offener Blick notwendig ist, der nicht vom eigenen Unglück eingetrübt ist. Hallo, ich war überhaupt nicht angesprochen! Niemand von denen kennt mich! Ich fühle mich durch deren Aussagen durch meinen BILDSCHIRM und irgendwelche WLAN-Wellen persönlich angegriffen! Wie gesagt, in Abgrenzung bin ich total schlecht.

Deswegen habe ich neulich auch Rotz und Wasser geheult. Ich habe nicht etwa ein paar Tränen verdrückt und ein bisschen geschnieft, nein, ich habe geschluchzt und konnte mich kaum beruhigen, denn das Elend aller Kinder dieser Erde brach über mir zusammen. Anlass war eine Privatsender-Doku-Soap über einen Vater und seine 11 Kinder, welche eine böse, ignorante Mutter hatten und die am Ende in Kinderheime mussten, wo sie ihren Vater vermissten, der sich viel Mühe gegeben hatte, aber überfordert war und deswegen einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Die Kinder weinten ein bisschen und kämpften dann tapfer und aufrecht gegen ihr Schicksal an und ich war weder tapfer noch aufrecht, sondern zog mir deren Elend mal kurz aus dem Fernseher in mein Innerstes, und zwar Elend pro Kind mal 11 zuzüglich Kinderelend insgesamt.

Und jetzt kommts, ich bin ziemlich sicher, dass die meisten, die das hier lesen, das Phänomen erstens auch kennen und zweitens total sympathisch finden. Und deswegen muss ich mir zwecks innerer Klärung öffentlich eine küchenpsychologische Frage stellen. Sie lautet: Will ich mich wirklich mehr abgrenzen? Dann nämlich wäre ich ja emotional ignorant, überhaupt nicht mehr mitfühlend, eingeschlossen in meine eigene popelige Erlebniswelt, gleichsam ohne Verbindung nach außen. Sicher, der Konzertknutscher tangierte mich nicht mehr, ebensowenig jede Meinungsäußerung, die nicht eine direkte Anrede beinhaltet und keine Schmonzette könnte mir mehr etwas anhaben. Aber ich würde eben keinem Alki mehr Erste Hilfe leisten und kein Geld spenden und niemanden mehr trösten und dann tröstet mich auch keiner mehr und dann kann ich auch gleich als Eremitin in eine Höhle gehen!

Nee, das ist nichts, ich finde sogar Gartenzäune doof und da muss ich halt damit leben, dass mir mal Nachbars Hund ins Beet kackt, er meint ja schließlich nicht mich.

Bellende Hunde


Ich finde es erstaunlich, dass sich nicht mehr Menschen gegenseitig umbringen. Verbringe ich einen Tag gehäuft an öffentlichen Orten mit vielen Menschen, begegnet mir so viel Aggression, dass ich mir abends selbst die Schultern massieren muss, um mich zu trösten. Meine nähere Umgebung ist quasi voll von Kriegsfronten, verhärteten Parteien, die um irgendwas kämpfen, ich nehme an, um Territorium. Oder Kulturgut. Oder Sexualpartner, was weiß ich.

Zum Beispiel vorgestern im Bus, ich fuhr mittags mit Kinderwagen mit dem 15er, der um diese Zeit immer knallvoll ist. Kinderwagenmuttis im Bus bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, da alle ähnliche Erfahrungen gemacht haben, das schweißt zusammen. Das äußert sich unter Anderem darin, dass man sich zur Not an die Schlaufen unter der Decke hängt, damit auch der fünfte Kinderwagen noch hineinpasst, denn jede kennt die Schmach, im Regen mit hungrigem Kind und müden Füßen nicht mehr mitgenommen zu werden, weil der Bus voll ist. Und genau so war es vorgestern. Wir waren schon zu viert im Mittelraum des Busses, in den Gängen schlugen sich die Fahrgäste gegenseitig die Taschen in die Hüften und die, die saßen, hatten den Po eines Stehenden im Gesicht, und dann kam Mutti Nummer 5. Wir vier machten uns bereit, klemmten unsere Wagen an- und ineinander, hielten die Luft an und signalisierten ein Herzlich Willkommen-Komm rein-Passt schon. Und es passte auch, es passt immer irgendwie.

Etwas an diesem Vorgang rief die gegnerische Partei auf den Plan, es ist die Partei der  Kinderwagenhasser. Diese ist ebenfalls eine eingeschworene Gemeinschaft, da auch ihre Mitglieder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Zum Beispiel gehen sie gemütlich Arm in Arm mit ihrer neuen Eroberung Bummeln und kriegen plötzlich einen Kinderwagen in die Hacken. Wenn sie sich umdrehen, sehen sie zwei schnatternde, Kinderwagen schiebende Muttis nebeneinander, die sich keinen Milimiter zur Seite bewegen und nur kurz unwillig gucken, weil sie nicht genug Platz haben, und das obwohl sie vor einigen Monaten unter Schmerzen die Rentenverischerungsbeiträge für alle auf die Welt gebracht haben. Das Pärchen muss sich also auf Zehenspitzen seitwärts ans Schaufenster klemmen und warten, bis der Treck vorbeigezogen ist.

„Dass die mit dem Kinderwagen nicht draußen geblieben ist, versteh‘ ich nicht“, pöbelte also ein Kinderwagenhasser in den Bus hinein, ohne die Betroffene anzusehen. Die Luft knisterte. „Wir schmeißen DICH gleich raus!“, nahm eine Mutti den Fehdehandschuh auf. Ich sah in ihr Gesicht und wusste, nur ihre Erziehung hielt sie von der Begehung eines Mordes ab. Knapp. Ich überlegte kurz, ob ich eine Maßnahme ergreifen musste, zum Beispiel mich flach mit meinem Kind auf den Boden legen oder die Busscheibe mit dem Nothammer einschlagen oder 112 rufen. Da merkte ich, dass die wütende Kinderwagenmutti, die übrigens gar nicht gemeint war, nicht wusste, wer gesprochen hatte. Genausowenig, wie der Kinderwagenhasser wusste, wer so rüde geantwortet hatte. Daher konnten sie also nicht aufeinander losgehen, die Gefahr eines Krieges mit mehreren Toten war fürs erste gebannt. Beide schimpften zwar noch eine Weile vor sich hin, aber wir kamen alle unversehrt an unseren Zielorten an.

Hierzu mache ich mir mehrere Gedanken, einer beinhaltet das Erstaunen, dass diese Drohgebärden in den meisten Fällen doch noch friedlich enden, obwohl sie das Potenzial zu Mord und Totschlag hätten. Müssen wir am Ende froh sein, dass wir so WENIGE Kriege auf der Welt haben, weil der überwiegende Teil der Menschheit so erzogen ist, dass man möglichst niemanden umbringt? Oder haben wir so VIELE Kriege auf der Welt, weil man all diese Menschen zu irgendwelchen Interessengemeinschaften zuordnen und dann als Kriegsunterstützer verwenden kann, weil diese Aggressionen dem Menschen per se innewohnen und beliebig genutzt werden können?

Dann wandern meine Gedanken ins Tierreich. Dort gibt es vielfältige Formen von Drohgebärden, das heißt Tiere signalisieren, dass das gegnerische Tier etwas tun oder unterlassen soll, da es ansonsten damit rechnen muss, zerfetzt zu werden. Dies dient, soweit ich informiert bin, im weitesten Sinne zur Erhaltung der Art. Muss also der Kinderwagenhasser in den Bus pöbeln, um zu signalisieren, dass er sich von zu vielen Kinderwagen in seiner unmittelbaren Nähe bedroht fühlt? Und muss die Kinderwagenmutti mit einer noch expliziteren Drohung reagieren („wir schmeißen DICH gleich raus!“), damit sie und ihr Kind langfristig überleben können? Dieser Gedanke wiederum macht mich insofern etwas stutzig, als dass ich selbst diesen Instinkt überhaupt nicht habe. Zwar fühle ich mich durchaus verschiedenen Gruppen zugehörig, aber nichts läge mir ferner, als meine Zugehörigkeit auf diese Weise zu signalisieren. Nicht eine Sekunde war ich versucht, einzugreifen, schließlich erinnere ich mich gut an meine Zeit ohne Kinderwagen am Schaufenster klemmend. Bin ich degeneriert? Domestiziert? Verklemmt? Ignorant? Suizidal? Wäre die Menschheit längst ausgestorben, bestünde sie aus Individuen wie mir? Oh mein Gott.

Ach was, das ist alles viel harmloser, bellende Hunde beißen ja nicht.

Gluckenmuttis


Natürlich habe ich Angst davor, dass meiner Tochter etwas zustößt. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, hier eine ordentliche Neurose zu entwickeln. Als sie ein paar Wochen alt war, wollte ich zum Beispiel alle Steckdosen in der Wohnung absichern. Sie konnte zu diesem Zeitpunkt weder Krabbeln noch sonstwie eine Steckdose erreichen, aber mir war danach. Schon jetzt mache ich mir Gedanken darüber, wie meine heute 10 Monate alte Tochter jemals die viel befahrene, unübersichtliche Kreuzung nahe unserer Wohnung meistern soll. Eventuell wird sie erst kurz vor dem Abitur allein zur Schule gehen dürfen. Aber meine allergrößte Angst im Rahmen des Mutterdaseins hat mit den Gefahren, denen meine Tochter Tag für Tag ausgesetzt ist, nichts zu tun. Sondern mit mir. Genauer, mit den anderen Müttern. Ich schließe hier bewusst die Väter aus, denn trotz aller Emanzipation sind Mütter Glucken und Väter nicht, da kann man mir sagen, was man will.

Gestern rief mich meine Freundin an, die mit den zwei Kindern, 8 und 10. Sie erwartet Besuch von Jugendamt, das ihr eine dieser aufgebrachten Gluckenmütter auf den Hals schicken will. Da meine Freundin in vielerlei Hinsicht sozial engagiert ist und in diesem Zusammenhang eine freundschaftliche Verbindung zur örtlichen Jugendamtchefin pflegt, war sie wenig besorgt. Aber sie konnte vor Fassunglosigkeit kaum sprechen, als sie mir davon erzählte. Der Grund für die Drohung war eine Pokémon-Karte. Wem es nicht geläufig sein sollte, Pokémon ist ein Universum verschiedener Charkatere, die man unter Anderem als Karten sammeln kann. Kinder zwischen 6 und 12 sammeln und tauschen heutzutage Pokémon-Karten.

Der Sohn meiner Freundin war nun im Besitz einer Pokémon-Karte, deren Eigentumsverhältnisse ungeklärt waren. Und zwar gehörte sie eigentlich dem Sohn der Gluckenmutter. Jetzt wird der Fall verzwickt, also: Die achtjährige Tochter meiner Freundin hatte die Karte unrechtmäßig in ihren Besitz genommen und weiter getauscht, und zwar mit einem gemeinsamen Freund der beiden Geschwister. Dieser wiederum tauschte sie mit dem Sohn meiner Freundin. Von diesem forderte der Ursprungsbesitzer, der Sohn der Gluckenmutter, die Karte zurück. „Nö“, sprach der Sohn meiner Freundin, „die hab ich eingetauscht, die gehört mir“.  Juristisch finde ich das gar nicht so einfach. Ich sehe auf jeden Fall den Tatbestand der Unterschlagung als gegeben, und zwar durch die Schwester des Angeklagten. Sollte der gemeinsame Freund, der die Karte mit dem Sohn meiner Freundin getauscht hatte, davon Kenntnis gehabt haben, hätte dieser sich wiederum der Hehlerei schuldig gemacht. Zweifelsfrei ist der Sohn meiner Freundin freizusprechen. Das sah der Ursprungskartenbesitzer anders, er kam heulend nach Hause und beschwerte sich bei seiner Mutter, dass der böse Sohn meiner Freundin seine Pokémon-Karte nicht herausgeben will. Daraufhin fuhr die Gluckenmutter zur Schule, baute sich vor dem Sohn meiner Freundin auf und machte diesen zur Schnecke. Der ließ sich davon wenig beeinrucken, er kann durchaus beurteilen, wann er im Recht ist und in solchen Fällen lässt er sich von Erwachsenen nicht die Butter vom Brot nehmen. Er argumentierte sauber und klärte die Situation höflich, aber bestimmt. Das machte die Gluckenmutter, die deswegen Gluckenmutter ist, weil sie sonst wenig zu melden hat im Leben, rasend. Sie stieß wüste, Gewalt enthaltende Drohungen gegen den Sohn meiner Freundin aus und an dieser Stelle fand meine Freundin, sie müsse nun doch einschreiten. Sie rief die Gluckenmutter an und verbat sich, dass diese ihren Sohn bedroht. Im Laufe des Gesprächs kam dann der oben beschriebene Tatbestand zur Sprache und die Gluckenmutter wollte ernsthaft mit meiner Freundin über die Rechtmäßigkeit des Kartenbesitzes argumentieren. Und nun war meine Freundin fassungslos. Ihr sind die Probleme, die sich im Rahmen von Sammelkarten ergeben, völlig wurscht, sie mischt sich in sowas nicht ein. Abgesehen davon, dass sie ihre Kinder alt genug findet, um solche Konflikte allein auszutragen, interessiert sie sich für Pokémon-Karten nicht und möchte in Details nicht involviert werden. Ich finde das gesund.

So, nun wisst ihr, warum ich Angst vor anderen Müttern habe. Himmel nochmal, liebe Gluckenmuttis, stellt Euch doch einfach mal vor, ihr hättet 8 Kinder, einen Hof, 2 Hunde und vier Katzen sowie einen hungrigen Ehemann.

Vielleicht sollte ich schnell noch Jura studieren, um wenigstens gut vorbereitet zu sein.

PS: Gab es diese Mütter früher auch schon? Oder ist das ein Auswuchs unserer übersättigten Zivilisation? Oder darf man diese Frage gar nicht stellen, weil sie eine „Früher-war-alles-besser“-Attitüde enthält?

Ode an das Vergessen


Heute habe ich eine Stunde lang im Fitnesscenter Sport gemacht. Davon habe ich 55 Minuten darüber nachgedacht, ob ich gestern oder vorgestern zuletzt meine Haare gewaschen hatte. Ich wasche sie alle 2 Tage und wollte wissen, ob ich nachher beim Duschen das Shampoo mitnehmen muss. Ich bin wahnsinnig geworden. Um diese Frage zu beantworten, bin ich die letzten drei Tage minutiös durchgegangen, vom Aufwachen bis Insbettgehen. Dabei bin ich noch wahnsinniger geworden, da sich immer mehr Gedächtnislücken auftaten. Je angestrengter ich nachdachte, desto schlimmer wurde es, und das Schlimmste war, dass jede einzelne Minute der letzten drei Tage plötzlich eine unglaubliche Wichtigkeit hatte. Ich meine, es gab überhaupt keinen Unterschied mehr, ob ich über den Tod nachgedacht oder meine beste Freundin in ihrer Ehekrise begleitet oder den Stöpsel aus der Spüle gezogen hatte. Buddhistisch betrachtet ist das, glaube ich, ein erstrebenswerter Zustand. Alles im Hier und Jetzt und mit der Demut für den Augenblick erleben. Obwohl der buddhistischen Lehre durchaus nicht abgeneigt, halte ich dies für Schwachsinn. Das wurde mir in den letzten 5 Minuten meiner Sportstunde deutlich, als ich auf die Idee kam, dass es völlig wurscht ist, wann ich meine Haare zuletzt gewaschen hatte. Entscheidend war ja allein, ob sie fettig waren oder stanken, was beides nicht der Fall war.

Nein, Susanne, Du lebst nicht an Dir selbst vorbei, nur, weil Du vergessen hast, wann Deine letzte Haarwäsche war. Nein, Dein Leben ist deshalb noch kein Fluss automatisierter, gleichsam mechanischer Abläufe, die ohne Dein Wissen geschehen. Nein, Du musst nicht ständig und alles ganz bewusst und mit Freude machen und vor Allem musst Du Dich nicht Dein Leben lang daran erinnern!

Oh welch Gnade, die eine oder andere Belanglosigkeit dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Wie schön, dass ich nicht auch noch die Geburtstage der Männer meiner Freundinnen auswendig weiß, die mir Jahr für Jahr auch nur gratulieren, weil ihre Frauen sie daran erinnern. Was für ein Genuss, nicht alle Minister ihren Ämtern zuordnen zu können, niemand möchte so viele hässliche Brillen und Schlupflider in seinem kostbaren Hirn abspeichern. Juchhe, ich weiß nicht mehr, was ich vorgestern gefrühstückt habe! Es ist ohnehin verdaut und der Biosphäre zurückgegeben! Ja, ich habe den Vornamen meiner Nachbarin vergessen und könnte sie niemandem vorstellen, der bei einem zufälligen Flurtreffen neben mir stünde, Hurra, ich kann sie schließlich einfach fragen, wie sie nochmal heißt! Ja, ja, JA, ich wollte noch etwas Wichtiges aufschreiben und weiß nicht mehr, was, JA, ich habs vergessen und ich werde NICHT daran sterben, im Gegenteil, mein Leben wird spannender, denn ich werde irgendwann eine böse Überraschung erleben und JA, ich werde eine Lösung dafür finden, ganz spontan und sie wird brillant sein, YES, denn in meinem kleinen Hirn ist genug Platz für Spontanlösungen, weil es nicht mit lauter unwichtigem Kram vollgemüllt ist, JA!

Herrlich, die letzten 5 Minuten haben richtig Spaß gemacht.

Charakterbildung

„Charakter, was ist das eigentlich? Malte hatte sich diese Frage schon öfter gestellt, denn immer wieder hörte er seine Großmutter sagen: „Das Kind hat den schlechten Charakter seines Vaters!“ Malte wusste nicht recht, was er sich darunter vorstellen sollte, schlecht, o.k., das war klar, aber Charakter? An jenem Abend überlegte er, bei welchen Gelegenheiten seine Oma zuletzt etwas Derartiges geäußert hatte. Ihm fiel die Situation im Auto ein, neulich, als alle zusammen einen Ausflug ans Meer gemacht hatten. Da war Malte ärgerlich gewesen, denn seine große Schwester, die 14 war, durfte zum vierten mal nacheinander im Auto vorne sitzen, Malte hatte es genau mitgezählt! Dabei hatte seine Mutter ihm versprochen, wenn er zwölf sei, würden seine Schwester und er sich mit Vornesitzen abwechseln und nun war er schon sechs Monate lang zwölf und hatte erst 3 Mal vorne gesessen. „Das ist unfair!“, hatte er gerufen, „ich bin mit Vornesitzen dran!“. „Jetzt mach kein Theater und komm, wir sind sowieso spät dran“, hatte seine Mutter geantwortet und als er sich weigerte, hatte sein Vater ihn wortlos am Ohr gepackt und auf die Rückbank gestoßen, so dass sein Ohr noch den ganzen Nachmittag weh tat, wenn er dagegen kam. „Ihr seid fies!“ hatte Malte geschrien und sich vorgenommen, den ganzen Nachmittag kein Sterbenswörtchen mehr mit seiner Familie zu reden, zur Not auch noch den ganzen nächsten Tag. Und da war es gekommen. „Ich sags ja, der Junge hat einen schlechten Charakter. Das hat er von seinem Vater.“

Ein anderes mal war er mit Nasenbluten aus der Schule gekommen und die Großmutter war zufällig gerade zu Besuch. Er hatte sich mit seinem Sitznachbarn geprügelt, aber eigentlich nur ein bisschen. Es war um eine Strafarbeit gegangen, beide gehörten zu den besten in Mathe und standen in einem harten Konkurrenzkampf um den Spitzenplatz. Bei einer Klassenarbeit hatte sich heraus gestellt, dass einer vom anderen abgeschrieben haben musste, denn sie hatten den gleichen Fehler gemacht. Beide beteuerten ihre Unschuld, aber am Ende war es Malte, der schuldig gesprochen wurde und die Strafarbeit erledigen musste. Er war darüber so wütend gewesen, dass er nach Schulschluss gegen den Ranzen des Schulkameraden trat, was dieser zum Anlass nahm, ihn zu schubsen und Malte schubste zurück, woraufhin der andere stolperte und hinfiel und dann in überschäumender Wut mit der Faust in Maltes Gesicht schlug. Mangels Übung im Nahkampf traf er gar nicht richtig und es tat auch nicht besonders weh, aber irgendwie fing Maltes Nase an zu bluten. Damit war der Kampf beendet und Malte konnte als tapferer Held heimkehren. „Oh Gott, Junge!“, hatte seine Mutter gerufen, „was ist denn passiert?“. „Ich habe mich geprügelt“, hatte er geantwortet, ein bisschen ängstlich und sehr stolz. Während seine Mutter einen kalten Waschlappen in seinen Nacken hielt und mehr zu sich als zu ihm sagte „da wird Papa aber sauer sein“, hatte die Großmutter den Kopf geschüttelt, wobei ihr ausgeleiertes Doppelkinn hin und her wackelte und dann hatte sie es wieder gesagt: „Das Kind hat einfach einen schlechten Charakter.“

Malte mochte es nicht, wenn er etwas nicht verstand, schon gar nicht, wenn es ihn betraf. So oft hatte er den Satz gehört und nie konnte er sich richtig verteidigen, zum einen, weil die Großmutter ihn dabei nie direkt ansprach, sondern immer nur über ihn redete und zum anderen, weil er es nicht richtig einordnen konnte. Und so fasste er sich eines Abends ein Herz und fragte seinen Vater, was Charakter sei. „Das ist, wie ein Mensch ist“, hatte sein Vater geantwortet. Malte war sehr zufrieden. Wenn er einen schlechten Charakter hatte und Charakter das ist, wie ein Mensch ist, dann hieß das, er war schlecht. Nun hatte er es endlich richtig verstanden und so ging er an diesem Abend befriedigt ins Bett.“

 

 

Abkassiert


Mir ist ein bisschen unheimlich, es geht um meine Rolle in der deutschen Wirtschaft. Neulich kaufte ich bei Ikea einen riesigen Teppich. Normaler Weise gehört es zu den Ikea-Kunden-Pflichten, große Gegenstände optimal auf dem Wagen zu platzieren, damit die Kassiererin gut rankommt. Vorletzten Samstag aber war es anders, es gab nämlich eine SB Kasse. Keine Kassiererin, die sich mühsam lächelnd aus der Kasse hängt, um den EAN-Code zu finden, sondern ICH höchstselbst durfte mit einem Scanner um meinen vorbildlich gepackten Einkaufswagen herumlaufen. Ich habe meinen Einkauf selbst abkassiert! Als ich versehentlich den Bonsai vergaß, eilte mir flugs eine freundiche Servicekraft zur Hilfe, sie ist für drei Kassen zuständig und kommt nur im Problemfall zum Einsatz. So wurden zwei Mitarbeiterinnen gespart.

Und nun das Unheimliche: Ich kann gar nicht sagen, wie toll ich das fand! Kein Fünkchen Protest loderte auf, der Kapitalismus frisst seine Kinder, oder so. Keine Empörung, weil Ikea seine ureigene Aufgabe, nämlich meinen Einkauf abzuwickeln, mir ganz allein überließ. Ich war wahnsinnig stolz, dass ich es so gut konnte und es jedes Mal piepste, wenn ich den Scanner über die schwarzen Streifen hielt. Ich fühlte mich aufgewertet, dass man mir so etwas zutraute. Und frei.

Damit ich mich noch besser fühle, hätte ich folgende Vorschläge zu machen:

  • Statt Kleidung könnt ihr auch Schnittmuster bei Zara an die Bügel hängen. Wenn ihr noch ein paar Nähmaschinen im Laden zur Verfügung stellt, komm ich schon klar.
  • Lasst mich meine Aktienfonds selbst zusammenstellen, ich arbeite mich gern in ostasiatische Märkte ein. Falls ich doch mal eine Frage habe, reicht eine Hotline.
  • Mein neues Mobiltelefon brauche ich nur als Bausatz, so lange alles mit dem Ikea Imbus zusammenzuschrauben ist, hab ich kein Problem damit.
  • Mein nächstes Kind kann ich auch allein zur Welt bringen, das haben vor mir auch schon Frauen geschafft. Wenn ich nicht recht weiter weiß, kann ich ja immer noch eine Hebamme anrufen.
  • Zur Unterhaltung drehe ich meine Filme künftig einfach selbst und auch ein Buch kriege ich zusammengeschrieben. Eine eigene Internetseite habe ich auch schon und statt Theater und Konzert reicht Sing Star vorm Spiegel völlig aus. Damit wäre die Medien- und Kulturszene obsolet.

Worauf ich allerdings ungern verzichten würde, wären Piloten. Klar, zur Not und mit regelmäßgem Funkkontakt zum Tower krieg ich auch nen Vogel auf den Hudson River gesetzt, aber mir wird schnell schlecht, und dann bin ich doch ein bisschen unsicher.

Apfelkuchen

Phrasendreschen – was für ein herrliches Wort. Man kann seine ganze Verachtung hineinlegen, dachte sie. Maria saß eingeklemmt zwischen lauter Leuten mittleren Alters, alle sahen gut aus, befanden sich in mehr oder weniger gehobenen Einkommensklassen, waren ein bisschen gebildet und schick. Das Restaurant war gut, aber bezahlbar, das Essen gekonnt zubereitet, der Wein mäßig. Der Jazz-Sampler nudelte schon zum zweiten mal durch, die Kerzen waren herunter gebrannt und gleich würde die Kellnerin, die wahrscheinlich irgendwas studierte, kommen, um sie auszutauschen. Sie wirkte emsig und fleißig und Maria wusste, dass sie einen guten Abschluss machen würde. Die Gespräche verliefen so, dass irgendein abgegriffenes Thema gewählt wurde, zum Beispiel die Gastfreundschaft der Süditaliener oder die Notwendigkeit, den Keller regelmäßig auszumisten, und auf diesem wurde dann herumgekloppt. Jeder hatte zwei bis drei Phrasen zur Verfügung, die nach einem allen bekannten Sprech- und Pausenrhythmus zum Einsatz kamen. Eine unhörbare Glocke im Hintergrund läutete ungefähr alle 15 Minuten einen Themenwechsel ein. Maria saß stumm dabei und wartete. Zwischendurch vertrieb sie sich die Zeit damit, zu raten, welcher Satz als nächster gesprochen wurde. Nach etwa einer Stunde verspürte sie eine unbändige Lust, für eine Überraschung zu sorgen. Für irgend etwas, das alle aufwachen ließe, vor Allem sie selbst. Zuerst stellte sie sich sie sich Dinge vor, die sie sagen könnte, zum Beispiel „Als ich 16 war, habe ich mal einen gut aussehenden Jungen aus Sizilien geliebt, ich habe ihn dann später umgebracht. Oh Gott, das habe ich noch nie jemandem erzählt.“ Sie verwarf das aber wieder, da es ihr ohnehin niemand glauben würde. Dann überlegte sie sich Dinge, die sie machen könnte. Sie könnte zum Beispiel ohnmächtig vom Stuhl kippen oder ihrem Sitznachbarn ins Gesicht spucken. Oder alle Kerzen auspusten, auch die an den Nebentischen. Oder allen ihre Blinddarmnarbe zeigen. Es half alles nichts, Maria hörte nicht auf, zu warten. Nach einer weiteren halben Stunde wurde sie wütend. Darüber, dass alles, was an diesem Abend gesagt oder getan wurde, in nichts münden würde, es gab keinen Sinn und kein Ziel, nichts, worauf alles hinauslief, keinen Höhepunkt, keine neue Erkenntnis, keine neue Bekanntschaft, kein unbekanntes Gefühl. Nichts würde nach diesem Abend besser oder auch nur anders sein, als vorher. Sie wartete umsonst. Am allermeisten war Maria aber darüber wütend, dass sie darüber so wütend war. Schließlich hatte niemand sie gezwungen, dabei zu sein, sie war weder gefesselt noch geknebelt, nichts außer sie selbst hielt sie davon ab, die Kellnerin zu fragen, was sie studierte oder den älteren Mann am Nachbartisch anzusprechen und zu fragen, was er da gerade liest oder ihren Sitznachbarn zu fragen, ob er sich auch langweilt. Wie erbärmlich. Sich freiwillig an einen Tisch mit seinen Freunden zu setzen, nichts zu sagen, alle langweilig und platt zu finden und auf irgend etwas zu warten, als hätte man eine Abenteuerreise gebucht, bei der es am Ende nur einen Hotelpool zu entdecken gibt.

Irgendwann war der Abend zu Ende, man zahlte, küsste sich auf beide Wangen, wünschte sich einen guten Heimweg, winkte sich noch mit Autoschlüsseln in der Hand ein Tschüss über die Straße und verschwand in Pitchpinewohnungen und Parkettbodenhäusern. Maria ging, als sie nach Hause kam, als erstes zum Kühlschrank und aß ein kaltes Würstchen mit Ketchup. Dann ging sie ins Bett und schlief ohne zu lesen ein. Am nächsten Tag, gleich morgens, rief sie ihre Mutter an. Sie wollte ihr sagen, dass sie an allem Schuld ist. Dass sie, Maria, gefangen war in einem Korsett aus Erwartungen und nicht wusste, wie man glücklich ist. Dass sie den Leberfleck am Kinn ihrer Mutter immer schon eklig fand und sich ihre ganze Kindheit lang vorgestellt hat, dass dieser Leberfleck aus dem Gesicht auf sie überspringt, wenn sie etwas falsch macht. Dass ihre größte Lebensangst darin bestand, so zu werden wie sie, das wäre das Schlimmste. „Hallo Mama!“ begann sie. „Mein Kind, wie schön von Dir zu hören, ich habe gerade an Dich gedacht. Ich wollte heute Nachmittag vorbeikommen, wir haben so viel Apfelkuchen von gestern übrig, wir hatten Petersens zum Kaffee hier aber Du kennst ja Frau Petersen, ewig auf Diät, gerade mal ein Stück hat sie gegessen und Herr Petersen immerhin zwei aber ohne Sahne wegen Cholesterin. Ich weiß nicht, früher sind wir mit Petersens besser klar gekommen, seit sie ihr Haus verkaufen mussten ist da irgendwie ein Bruch drin. Ich glaub die sind neidisch, dass wir es so schön haben. Na, jedenfalls, ich komm dann nachher mit dem Apfelkuchen, ist dir halb vier recht?“ „Klar“, sagte Maria, „halb vier ist prima. Ich freu mich. Bis nachher.“ Dann legte sie auf, ging joggen, kaufte auf dem Rückweg fettarme Milch und frisch gerösteten Kaffee, duschte, zog sich einen knötchenfreien Pulli und eine heile Jeans an, saugte schnell noch das Wohnzimmer und putzte das Klo, und wartete.

 

 

Sexuelle Aufklärung – ein Praxisbericht


Der zehnjährige Sohn meiner Freundin wird nun in der Schule sexuell aufgeklärt. Um diese Tatsache in seiner ganzen Tragweite genießen zu können, muss man Folgendes wissen: Erstens, der Sohn ist äußerst intelligent und lässt sich mit oberflächlichen, kindgerechten Erklärungen niemals abspeisen. Zweitens, meine Freundin ist ein Freigeist. Als den Kindern angekündigt wurde, dass in den nächsten Wochen Aufklärung auf dem Stundenplan steht, wurde dies vorab innerfamiliär diskutiert. Das Intro ging so:

Sohn: „Also bezüglich Abtreibung halte ich es ja mit dem Papst.“
Mutter:  „Äh – ach so. Aber Du weißt doch, was Vergewaltigung ist?“
Sohn: „Klar weiß ich das. Aber es ist ja nicht die Schuld des ungeborenen Kindes, dass es einer Vergewaltigung entspringt. Jedes Leben ist es wert, gelebt zu werden. Das solltest Du doch wissen!“

Das nächste Thema, das ihm unter den Nägeln brannte, war eher praxis-orientiert:

Sohn: „Wie haben eigentlich Lesben Sex?“
Mutter: „Also, naja, hauptsächlich mit den Fingern.“
Sohn: „Igitt, das ist ja eklig.“
Mutter: „Das ist nicht eklig. Frauen, die lesbisch sind, haben Freude daran.“
Sohn: „Kennst Du eigentlich jemanden, der schwul ist?“
Mutter: „Ja, na klar. Martin zum Beispiel.“
Sohn: „Waas? Hätte ich ja nicht gedacht.“
Mutter: „Man siehts den Leuten doch nicht an, ob sie Männer oder Frauen als Partner lieber mögen.“

Dann wurde es ganz konkret:

Sohn: „Mama, wie fühlt sich ein Orgasmus an?“
Mutter: „Das ist ein sehr schönes Glücksgefühl, es kribbelt am ganzen Körper.“
Sohn: „Hat man deswegen auch Sex, obwohl man gar kein Kind haben will?“
Mutter: „Genau.“
Sohn: „Aber wenn das so schön ist, was ist dann daran schlimm, wenn ich im Internet Pornos anschaue?“ (Anm.: Das war vorgekommen, als der Sohn 8 war. Als meine Freundin unerwartet das Zimmer betrat, deckte er die Brüste auf dem Bildschirm schnell ab.)
Mutter: „Weil ich möchte, dass Du erst Deine eigenen Erfahrungen sammelst. Dann kannst Du immer noch hinterher einen Porno anschauen. Wenn Du das vorher machst, hast Du wahrscheinlich ganz falsche Vorstellungen und kannst es dann gar nicht so genießen.“

Überflüssig zu erwähnen, dass meine Freundin sich durchaus fragte, ob dieses Gespräch noch im angemessenen Rahmen verlief. Aber sie folgte tapfer ihrer Strategie, Fragen, die gestellt werden, auch zu beantworten, so hatte sie es von Anfang an gehalten. Es folgte dann ein Ausflug in die Thematiken Eisprung, Menstruation (es wurde ein Tampon im Wasserglas aufgeschwemmt, der Sohn war sehr beeindruckt) und Verhütung. Kondomen steht der Sohn nicht sehr offen gegenüber, er hat Angst, dass es nicht so viel Spaß machen könnte. Vor Aids hat er keine Angst, denn er sucht sich sowieso eine Frau, die ganz sicher treu ist.

Sohn: „Mama, hast Du mal ein Kondom?“
Mutter: „Ähem, ich muss mal eben nachschauen. Wir, also der Papa und ich, verwenden ja keine Kondome.“
Sohn: „Klar, warum auch, Du hast ja die Spirale.“

Woher er dies nun wieder wusste, entzog sich ihrer Kenntnis und sie fand jetzt auch, das Thema sexuelle Aufklärung hätte für diesen Tag genug Raum eingenommen. Schließlich hatte der Schulunterricht ja noch nicht einmal begonnen.

Meine Liebe, Du hast Dich wacker geschlagen. Mach Dir keine Sorgen, das mit dem Papst wächst sich zurecht.

Die Deutschlandfahne in der Yuccapalme


Wie und wo möchte ich später einmal leben? Diese Frage stellt man sich üblicher Weise das erste mal zwischen 16 und 20. Man hat große Pläne. Interessanter Weise stelle ich mir diese Frage heute, mit knapp 40, immer noch. Dabei ist längst später. Vielleicht, weil keiner der großen Pläne (Entwicklungshelferin in Afrika, 3 Kinder, großes Haus, in dem auch Bettler aus der Gegend bewirtet werden, kreativer Beruf, der mich erfüllt und reich macht…) bisher umgesetzt ist. Aus lauter Verzweiflung, dass ich kurz vor der Gezeitenwende mit 40 weder meine Jugendideen noch nennenswerte Alternativen in der Pipeline habe, stelle ich andauernd fest, wie ich auf keine Fall leben möchte. Zuletzt heute.

Ich saß, zusammen mit zwei schlafenden Babys, bei Minusgraden im feinen Blankenese im Campingbus meiner Freundin, und fror. Es wäre zu umständlich zu erklären, wie es dazu kam, jedenfalls war meine Freundin beim Arzt und draußen war Nebel, links von mir rauschte der Verkehr vorbei und rechts lag ein depressiver Bürgersteig am Straßenrand. Aus meinem Busfenster sah ich 2 Schaufenster, KIND Hörgeräte und einen spießigen Frisör (Coiffeur). Kein Mensch kam vorbei, kein Wind wehte, es regnete nicht einmal. Ich war, eingeschlossen in einen Käfig, mitten im Nichts. Mein Gott, dachte ich, hier möchte ich auf keinen Fall leben. Ein an sich überflüssiger Gedanke, denn es steht gar nicht zur Disposition, dort zu leben oder überhaupt irgendwo anders. Dann wachten die Babys auf und meine Freundin kam vom Arzt zurück. Ich schnallte mein Kind vor den Bauch und stieg in die nächste S-Bahn, um nach Hause zu fahren. Dort erreichte mich auf meinem Blackberry (!) die E-Mail meines besten Freundes, der gerade in Frankfurt beruflich mit Bänkern zu tun hat. Er schrieb, die seien alle sehr nett, aber an Humor nicht gewöhnt. Wenn man im Fahrstuhl einen mittelwitzigen Spruch bringe, dann könnten die sich vor Lachen nicht mehr halten. Ansonsten unterhielten sie sich über inserts auf web-application-servern, die deployed werden müssen. Bin ich froh, dachte ich nun, dass ich nicht in Frankfurt hocke und mit einem von denen verheiratet bin. Als hätte mich je einer gefragt. Dann stieg eine ältere Frau mit Sturzhelm in das Abteil ein, sie hatte so etwas wie das Tourette-Syndrom, jedenfalls redete sie laut und unkontrolliert vor sich hin, während sie, offenbar völlig entspannt, gleichzeitig in der Morgenpost las. „Ja nee, ich hab ja ne Porsche-Garage auf der Shelltankstelle!“, wiederholte sie mehrfach. So, dachte ich, das ist also das Leben. Mir fiel dieser Spruch von John Lennon ein, oder wer immer sich den ausgedacht hat: „Leben ist das, was stattfindet, während Du fleißig andere Pläne schmiedest“. So ist es. Vielleicht sitze ich morgen mit Helm auf dem Kopf in der S-Bahn und brülle Nonsens in die Gegend.

Oder ich bewohne ein Reihenhaus am Rande der Stadt. Mit selbst gebasteltem Fensterbild und weiß gestrichenem Zaun (von wegen Bettler am Tisch!). SPIEGEL ONLINE schreibt, das Reihenhaus sei in Deutschland wieder im Kommen, und weil es gemeinhin nicht mehr so viele Wohnsünden enthielte, dürfe auch einmal eine Deutschlandfahne in der Yuccapalme stecken. (Artikel).

Während ich also in Gedanken mit meinem Sturzhelm rhythmisch gegen einen Yuccapalmentopf schlage und meiner Deutschlandfahne wirres Gedankengut mitteile, fällt mir noch ein großartiges Statement zum Thema Lebensform ein. Es entschuldigt nahezu jeden Ausfall und stammt von der französischen Justizministerin, die ja Anfang Januar ein uneheliches Kind gebar und niemandem sagt, wer der Vater ist. Sie sagt dazu: „Mein Privatleben ist wahnsinnig kompliziert.“ Lässig, oder?